Lösungen

Mensch oder Schildkröte – Wer rettet eigentlich wen?

07/01/2018
Strand Maio Fußabdruck Sand Umweltschutz Schildkröten Biodiversity

Es ist 5.30 Uhr. Vila do Maio – eine Stadt, nicht größer als ein Dorf schläft noch. Die Dunkelheit regiert in den Gassen und Stille beherrscht die Straßen. Zwischen halb fertigen und halb zerfallenden Häusern blicke ich auf das Meer. Ich warte auf einen Pickup, der mich und die anderen einsammelt – es geht auf Patrouille.

20 Minuten später holt uns Denis zusammen mit den anderen Helfern ab. Ganz entspannt, keine Eile – die Uhren ticken hier langsamer.

Maio ist die kleinsten Insel der Kap Verde. Hier leben knapp 7.000 Menschen. Grade mal die Hälfte davon hat Arbeit. Die meisten müssen mit 50 Euro im Monat für sich und ihre Familie auskommen. Besonders Frauen und junge Kap Verder haben Probleme einen Job zu finden.

Eine Gasse auf der Insel Maio unfertige bunte Häuser Charme Kap Verde
Ein ganz normaler Tag in Vila do Maio

Über die einzige Straße der Insel fahren wir Richtung Norden. Felsen und Sand prägen die Landschaft. Grün ist kaum zu finden. Die Sträucher sind ausgetrocknet. Abgemagerte Rinder und Ziegen irren umher, auf der Suche nach Essen. Kap Verde hat immer Sonne, und selten Regen. Auf Maio waren es letztes Jahr nur zwei Tage. Trinkwasser und Essen werden rarer und teurer. Alkohol bleibt billig.

Nach einer Stunde Fahrt kommen wir im Norden der Insel an. Ein Naturschutzgebiet mit endlosen, unberührten Stränden und einer Naturlandschaft, die mir trotz der dürren Pflanzen den Atem raubt.

Unberührte Strände auf Maio Natur Schutz
Unberührte Strände auf Maio

Zusammen mit meinem Freund und Denis steige ich aus dem Auto. Wir laufen in Richtung Strand, auf der Suche nach Spuren. Es ist Anfang Juni und die Schildkrötenweibchen starten ihre Suche nach Brutplätzen. Die größte Gefahr für die Eier, Babys und Mütter: der Mensch.

Denis erzählt uns, dass es vor wenigen Jahren noch ganz normal war Schildkröten zu jagen und zu essen. Es war Tradition, fest in der Kultur verankert. Für viele Einheimische war es zudem die einzige Möglichkeit an Essen oder Geld zu kommen.

Baby Schildkröte Strand auf Maio in der Hand eines Helfers FMB
Was gibt es süßeres als eine Baby-Schildkröte? pic@FMB

Heute ist das anders. Eine kleine Organisation auf Maio, der drittwichtigsten Brutstätte für die gefährdeten Karettschildkröten, hat es geschafft. Die Maio Biodiversity Foundation (oder Fundação Maio Biodiversidade, kurz: FMB) hat die Zahl der getöteten Schildkröten auf 18 im letzten Jahr gesenkt. Vorher hat es nur jede Fünfte von ihnen ins Meer geschafft.

Ich bin erstaunt und will wissen, wie sie das geschafft haben. „Indem wir Alternativen schaffen“, erklärt mir Denis. Es geht nicht nur darum, eine bestimmte Spezies zu schützen, sondern das große Ganze zu sehen und die Menschen vor Ort einzubinden.

Jedes Jahr werden von der FMB 100 Einheimische angestellt, um nachts die Strände zu schützen. Sie können außerdem Touristen zu den Schildkröten führen und freiwillige Helfer bei sich Zuhause aufnehmen. Alles Möglichkeiten um Geld zu verdienen und gleichzeitig die Arbeit der FMB zu unterstützen. Die Wilderer hingegen können nur wenige Monate im Jahr Schildkröten jagen. Dank der FMB haben sie eine Wahl.

Der Wandel – neue Generation, neue Werte

Bildung und Aufklärung für die Kinder auf Maio nächste Generation Wandel Schutz malen Schildkröten
Die Kinder wissen genau wie wichtig Schildkröten für unsere Erde sind. pic@FMB

„Daddy you can’t eat turtle“

Auch die kleinen Bewohner der Insel kämpfen für eine Welt, in der die Schildkröten nicht gejagt sondern geschätzt und beschützt werden. Die Foundation bindet Kinder früh ein, veranstaltet Feste und ist regelmäßig in den Schulen, um einen engen Kontakt aufzubauen. Die Kindern verstehen, wofür sich die kleine NGO ihrer Heimatinsel einsetzt. Nicht die FMB verändert alleine die Kultur auf Kap Verde. Es sind die Menschen, die das Mindset auf der Insel verändern.

Kinder sind fasziniert und haben spaß mit den Schildkröten am Strand FMB macht es möglich
Teil der Natur zu sein und sie zu schützen macht riesigen Spaß. pic@FMB

Besonders stolz ist Denis, auf das neue Gesetz. Die FMB hat einen 20 Jahre andauerneden Kampf endlich gewonnen. Vor vier Wochen wurde offiziell erlassen, dass der Verkauf oder das Töten von Schildkröten geahndet wird. Was früher Verwarnung und kleine Bußgelder bedeutete, wird heute finanziell schmerzhaft oder endet im Gefängnis.

Der rechtliche Rahmen gibt der FMB mehr Durchsetzungskraft. Was jedoch wirklich zählt, ist die Sicht der Menschen. Es geht nicht darum, mit den Behörden oder der Polizei den Umweltschutz um jeden Preis durchzubringen, sondern die Menschen einzubinden. Ihre Stimme zu hören, zu verstehen und ihnen zu antworten.

Wir sind alle verbunden

Plastik und Müll am Strand von Morreiro auf Maio Kathrin und Denis von FMB Plastikflaschen
Plastikflaschen und Container prägen das Bild an den Stränden von Maio

Alles hängt zusammen, wir alle sind verbunden. Unser Handeln hat Einfluss auf uns und unsere Umgebung – immer. Dieses Thema wird mir besonders deutlich als ich über die  Müllmassen an den Stränden stolpere. Nicht nur der Müll selbst, auch die Herkunft hat mich erschrocken. Nur ein Bruchteil des Mülls stammt von den Inseln selbst.

Das meiste sind Plastikflaschen und schwarze Container, die in Algerien zum Fischen von Oktopus genutzt werden. Nur, dass der Container danach nicht wieder im Boot landet, sondern im Meer.

Beach clean up Strand aufräumen Müll Meer zusammen große Gruppe
Zusammen einen Unterschied machen. pic@FMB

„90 Prozent davon wird angespült, aus dem Meer. Wir haben erst letzten Monat ein Clean-Up gemacht. Aber ihr seht ja, wie es aussieht,“ erklärt Denis.

Dabei wissen die Menschen auf Maio, wie schädlich Müll und vor allem Plastik ist. Der Großteil der Verpackungen ist biologisch abbaubar und der Rest wird (wenn möglich) wiederverwendet.  Ein Recycling-System gibt es nicht. Das System schaffen die Menschen hier selbst, mit der eigenen Kreativität statt fremder Technologie.

Nach drei Stunden sind wir die Strände in Morrinho abgelaufen. Schildkröten haben wir keine gesehen. „Dieses Jahr ist alles durcheinander. Die Wale waren eher da, die Flut ist weiterhin stark und die Schildkröten scheinen sich Zeit zu lassen“ sagt Denis.

Menschen involvieren – ein gemeinsamer Motor für die Zukunft

Rocio von FMB und Kathrin von Weltblick 2.0 treffen sich auf Maio
Rocio und ich vor dem Büro in Vila do Maio

Zurück in den kleinen Räumen der Foundation treffe ich auf Rocio. Sie leitet die Organisation. Für sie geht es nicht nur um die Umwelt und ihren Schutz, sondern darum, das große Ganze zu sehen und die Menschen zu involvieren.  Zusammen mit ihnen langfristige Vorteile innerhalb der Gemeinschaft zu schaffen.

Vielfalt FMB Umweltschutz Meerschutz Meer Tiere Wale Aufklärung
Die Vielfalt der Arbeit der FMB in Bildern

Conversation is not possible without people

 

Von Anfang an war klar: in 20 Jahren soll die Organisation komplett in lokaler Hand sein. Maio soll die Zukunft selbst gestalten können. Mit zurzeit 16 Kap Verdern und drei Europäern haben sie die richtige Richtung eingeschlagen.

My vision is that one day we don’t have to be here anymore. That people live a good life and have enough work and are happy with what nature gives them.

 

Schildkröten und…

Gardiens of the sea von der Maio Biodiversity Foundation Haie Wale Vögel und andere Tiere
Die Arbeit der Gardiens of the Sea ist vielfältig – genau wie das Meer. pic@FMB

Der Schutz der Schildkröten ist auf Maio zentraler Bestandteil der Arbeit von FMB. Rocio betont: Es ist ein Bestandteil. Die NGO kümmert sich umfassend, um den Schutz von Flora und Fauna, wie z.B. Korallen, Fische, Vögel und Haie. Einen wesentlichen Beitrag liefern die „Gardiens of the sea“. Sie bestehen aus aktiven und ehemaligen Fischern, die auf See nach Missständen, Verbrechen und ungewöhnlichen Aktivitäten Ausschau halten. Mivaldu ist einer von ihnen. Früher hat er selbst jede Tierart aus dem Meer gefischt und Schildkröten gejagt. Heute sind Haie seine Lieblingstiere und er schützt sie, als wären sie Teil seiner Familie.

Zuhause bei Einheimischen – mit nachhaltiger Wirkung

Neben den Helfern, können mittlerweile auch Touristen bei einheimischen Familien übernachten. Das Homestay-Programm bietet die authentischste Erfahrung, die überhaupt möglich ist.

Rocio möchte nicht, dass Maio sich zum Massentourismusziel entwickelt. Nicht so, wie die anderen Inseln der Kap Verde, wie Sal oder Boa Vista. Damit Einheimische etwas von dem Tourismus haben, muss das Geld bei den Locals ankommen. Nicht bei Investoren oder fremden Unternehmern.

Zuhause bei Einheimischen in Maio Homestay Program ermöglicht Austausch
Zuhause bei Sylvester und Albertina

Mit dem Homestay Program, profitieren beide Seiten. Die Frauen der Homestay-Familien erhalten ein eigenes Einkommen. Die Besucher lernen die Kultur und die Traditionen der Kap Verder kennen. Sie werden mit frisch gekochtem Essen versorgt und für die Zeit des Besuchs in die Familie aufgenommen. Win-win für uns, die Umwelt und die Frauen der Kap Verde – also Win-win-win. Rocio ist sich sicher, Tourismus kann Menschen verbinden, mit nachhaltiger Wirkung.

Wir wollen mehr – Schutz für das große Ganze

Die Behörden des Landes, konnte die FMB schon zu einem Gesetz für den Schildkröten-Schutz überzeugen. Die Foundation will trotzdem mehr erreichen. Im September bewerben sich die Inseln Maio und Fogo für den Titel des Biosphärenreservats der UNESCO. Rocio strahlt, wenn sie von den Plänen erzählt. „Wir haben gute Chancen und wenn es tatsächlich klappt, dann muss jeder Schritt auf dieser Insel genau geprüft werden. Ein Hotelkomplex kann dann nicht mehr so einfach gebaut werden.“

Plötzlich – nach jahrelanger Arbeit in Stille, unbemerkt und unterschätzt, geht es nun Schlag auf Schlag. Die Kultur und das Denken der Insel nachhaltig zu verändern ist nicht länger ein Plan. Es passiert. Maio verändert sich – positiv, nachhaltig und bewusst.

Wer braucht schon riesige Schritte? Mut ist das was zählt.

Beine von Kathrin von Weltblick 2.0 Schritte gehen die Mut erfordern da ist Wachstum
Den nächsten Schritt klar vor Augen – und ihn wagen

Rocio möchte nicht zu weit denken. Wenn wir zu sehr die großen Probleme und die schlimmen Prognosen vor Augen haben, gehen wir die notwendigen Schritte nicht. Und das ist, was am Ende zählt. Den Blick auf die eigenen Möglichkeiten richten und darüber hinaus träumen. Mit dem großen Ganzen im Blick.

I feel that – in Europe – we grow up thinking that we have the right to have everything and that life is for having fun. But it is not for having fun. You need to leave this world better. We are part of the 1% of the world population that is lucky to live in a luxury that most people will never know.

 

Jeder von uns kann entscheiden, ob und wofür er Verantwortung übernimmt und übernehmen möchte. Wir können in unserer Welt bleiben – verschlossen und alleine – oder die Augen und unser Herz für alles öffnen, was die Welt zu bieten hat.

Vielleicht macht dir ja genau das Angst. Der Ausgang bleibt ungewiss, denn was morgen ist, wissen wir erst, wenn morgen ist.

Aber wenn nur 19 Personen die Kultur einer ganzen Insel verändern können.

Was kannst du bewirken?

Eine Ganze Menge.

 

Fußabdruck statt Cola-Dose Strand Abdrücke im Sand von Kathrin von Weltblick 2.0

 

🎧   Lieber was auf die Ohren?

Passender Podcast → hier

 


Quellen
Maio Biodiversity Foundation FMB
UNESCO Biosphärenreservat

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu